Doping im Alltag - Dopingproblem greift um sich

Leistungssteigerung mit Drogen entwickelt sich zum allgemeinen Trend

11.07.2009 Marco Theuer

Nicht nur Leistungssportler dopen! Immer mehr Arbeitnehmer greifen wegen Stress, Erfolgsdruck oder Jobangst zu unerlaubten Medikamenten und Aufputschmitteln.

Der Tod von Michael Jackson und seine Abhängigkeit von Medikamenten hat die Welt im Sommer 2009 schockiert. Der jüngste Dopingfall im Leistungssport von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein sorgte ebenfalls für Aufsehen. Doch wer glaubt, dass nur Prominente und Sportler dopen, irrt. Doping gibt es auch am Arbeitsplatz. Das zeigt eine repräsentative Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Rund zwei Millionen gesunde Arbeitnehmer in Deutschland haben schon einmal ihre Leistung oder Laune mit Medikamenten steigern wollen. Rund 800.000 nähmen regelmäßig leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Arzneimittel als Doping am Arbeitsplatz, so lautet das erschütternde Ergebnis der Umfrage.

Was versteht man unter Doping?

Unter Doping versteht man allgemein die Einnahme oder Anwendung unerlaubter Medikamente zur Leistungssteigerung. Der Ursprung des Wortes „Doping“ liegt in der Sprache der weißen Buren in Südafrika. Bei Festen der Einheimischen wurde ein schwerer Schnaps mit stimulierender Wirkung, der sogenannte „Dop“, getrunken. 1889 tauchte der Begriff das erste Mal in einem englischen Lexikon auf. Er beschrieb die Verabreichung einer Mischung aus Opium und verschiedenen Narkotika an Rennpferde. Später wurden Substanzen wie Kokain, Morphin, Strychnin und Koffein als „Dopingmittel“ bezeichnet. Mit der Erfindung synthetischer Hormone in den 1930er Jahren hielt das medikamentöse Doping Einzug in den Sport und inzwischen sogar in den Alltag.

Warum dopen die Menschen?

Die Geschichte des Dopings ist so alt wie der Drang der Menschen, immer perfekt sein zu wollen. Schon in der Antike experimentierten die Olympioniken mit Kräutern und Pilzen, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. In der Berufswelt lässt der ständige Stress, die Angst um den Arbeitsplatz und der zunehmende Erfolgsdruck die Arbeitnehmer zu aufputschenden, konzentrationsfördernden oder befreienden Mitteln greifen.

Welche Arten von Doping gibt es und was sind ihre Wirkungen?

Manche Arzneimittel frisieren das Leistungsvermögen, andere polieren die Stimmungen auf. Die verführerischen Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Grundsätzlich unterscheidet man die Dopingmittel nach Wirkstoffgruppen und ihren Auswirkungen auf den Organismus:

  • Stimulanzien

Darunter fallen Amphetamine, Ephedrin und Koffein. Sie helfen Müdigkeit zu überwinden, erhöhen die Aktivität der Nerven, steigern die Aufmerksamkeit und das Selbstbewusstsein. Neben psychischen Störungen und psychischer Abhängigkeit können sie zu schweren Erschöpfungszuständen, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen, Atemlähmungen und Kreislaufzusammenbrüchen bis hin zum Herzinfarkt führen.

  • Narkotika

Die häufigsten Narkotika sind Morphin, Heroin und Methadon. Sie wirken schmerzunterdrückend und beruhigend. Viele Narkotika verursachen aber oft Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Benommenheit. Vor allem bei Überdosierung kommen lebensbedrohliche Nebenwirkungen hinzu: Atemlähmungen können zur Unterversorgung der Gefäße mit Sauerstoff führen und einen Kreislaufschock herbeiführen. Darüber hinaus hat der Konsum von Morphin, Heroin und Methadon schwere körperliche und psychische Abhängigkeit zur Folge.

  • Anabolika

Anabole Steroide sind aus mehreren Gründen "attraktiv". Man erholt sich schneller und wird euphorisch beziehungsweise kämpferisch. Durch die Einnahme von Testosteron bildet sich mehr Muskelmasse bei gleichzeitiger Abnahme von Fett. Die Steroide steigern die Kraft und erhöhen die Ausdauer. Allerdings haben sie zig unerwünschte und zum Teil gefährliche Folgen. Akne und vermehrte Wassereinlagerung im Gewebe sind da noch die harmlosesten Nebenwirkungen. Anabolika beeinflussen den Fettstoffwechsel und erhöhen damit das Risiko von Arterienverkalkung, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkt. Werden Anabolika über längere Zeit eingenommen, schädigen sie die Leber, und man vermutet, dass sie das Risiko der Entstehung von Krebsgeschwüren erhöhen. Testosteron kann außerdem das Wachstum von Prostata- und Brustkrebs fördern.

Bei Frauen führt die Einnahme von Anabolika unter Umständen sogar zu einer Vermännlichung (Virilisierung). Das zeigt sich in Störungen des Menstruationszyklus, einer verstärkten Körperbehaarung, einer Veränderung der Stimme und einer Vergrößerung der Klitoris. Bei Männern kann es durch Anabolikamissbrauch zu einer Vergrößerung der Brust und einer Schrumpfung der Hoden kommen. Bei beiden Geschlechtern sind Störungen des sexuellen Lustempfindens und Fruchtbarkeitsstörungen bis hin zur Unfruchtbarkeit möglich. Bei Jugendlichen kann Anabolikamissbrauch die Wachstumsphase vorzeitig beenden.

  • Diuretika

Diese Dopingsubstanzen bewirken keine unmittelbare Leistungssteigerung, sondern finden ihre Anwendung in bestimmten Sportarten mit Gewichtsklassen wie Judo, Ringen oder Boxen, bei denen der Sportler unbedingt sein Gewicht halten muss, da er ansonsten nicht antreten darf. Zwischen Wiegen und Wettkampf füllt der Sportler die Verluste dann wieder auf und ist damit leistungsfähiger als seine Konkurrenten. Auch beim Pferdesport wird dieses Dopingmittel eingesetzt, da die Sportler extrem leicht sein müssen, um Spitzenleistungen zu erzielen. Die Gefahr bei der Anwendung von Diuretika besteht in ihrer entwässernden Wirkung. Mit der Flüssigkeit werden dem Körper Mineralstoffe entzogen. Mögliche Folgen: bedrohliche Störungen des Elektrolythaushalts, akuter Blutdruckabfall, Muskelkrämpfe, Kreislaufkollaps, Magen- und Darmprobleme.

  • Peptid- und Glykoproteinhormone

Hierunter versteht man alle körpereigenen Eiweiße wie HGH, Corticotropin oder Erythropoetin. Sie führen zu Euphorie oder sorgen dafür, dass mehr Sauerstoff im Blut transportiert wird. Dadurch steigt die Ausdauer und die Leistungsfähigkeit. Die Einnahme des Wachstumshormons HGH kann auch zu einer sogenannten Akromegalie führen. Dieses Krankheitsbild ist durch krankhaftes Wachstum an nicht knöchernen Körperstrukturen, vor allem Organen, gekennzeichnet. Insbesondere am Herzen kommt es unter Umständen zu Veränderungen, die sogar zum Herztod führen können.

  • Epo (Blut- und Gendoping)

Epo ist die absolute Modedroge im Sport, vor allen im Ausdauersport. Mit Blutdoping oder Gendoping wird beispielsweise die Sauerstofftransportkapazität verbessert, die Leistung steigt gewaltig. Die unkontrollierte Anwendung von EPO ohne medizinische Notwendigkeit, vor allem über längere Zeit und bei hoher Dosierung, ist gleichzeitig äußerst gefährlich: Durch die künstliche Erhöhung der Zahl der roten Blutkörperchen wird das Blut „verdickt“. Das führt nicht nur zur Erhöhung des Blutdrucks, sondern auch zur Entstehung von Thrombosen bis hin zum tödlichen Gefäßverschluss.

Wieso bringt Doping am Ende nichts?

„Doper“ beuten ihren Körper systematisch aus. Wie schnell ein Einzelner abhängig wird, ist allerdings unterschiedlich. So machen etwa Schlaf- und Beruhigungsmittel schneller abhängig als andere Medikamente. Trotzdem werden die Gefahren arg unterschätzt: viele meinen, dass die Risiken im Vergleich zum Nutzen vertretbar sind. Nach medizinischen Erkenntnissen ist das allerdings ein Trugschluss. Alles hat seinen Preis – man kann einen Körper nur eine gewisse Zeit überfordern. Dies musste schon der ehemalige Berufsboxer Bob Hazelton am eigenen Leib erfahren, dem wegen seines jahrelangen Dopingmissbrauch zwei Beine amputiert wurden und der heute als abschreckendes Beispiel für junge Sporttalente herhalten muss. Seine bittere Erkenntnis: „Doping ist wie eine Kreditkarte. Man geht in den Laden und kauft alle Dinge, die man will. Doch irgendwann wird es Zeit, dass man die Rechnung dafür bezahlt. Und dann ist der Preis viel höher als erwartet.“

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