Gendoping – Betrug im Sport erreicht nächste Dimension
Sind Tabletten, Spritzen bald schon out? Doping-Gegner wappnen sich
16.06.2009
Reinhold Gebhart
Deutschen Wissenschaftlern ist nach intensiver Forschung ein Riesenschritt im Anti-Doping-Kampf gelungen: Mit der Entwicklung eines Nachweisverfahrens für ein Gendopingmittel, das erst seit 2009 auf der schwarzen Liste der verbotenen Substanzen steht. Gelungen ist dieser "Wurf" einer Arbeitsgruppe um die Professoren Mario Thevis und Wilhelm Schänzer im Zentrum für Präventive Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Thevis glaubt: "Der Test ist praxisreif. Mit Sicherheit können wir Gendoping-Kontrollen bei den Olympischen Spielen 2012 in London vornehmen, wahrscheinlich schon deutlich früher!"
Gendoping bereits seit 2001 "verbotene Methode"
Im Jahr 2001 wurde der Begriff "Gendoping" bereits in die Definition des Dopings als verbotene Methode einbezogen. Doch was versteht man darunter? Nicht hinzurechnen darf man die gentechnische Herstellung von Dopingmitteln. Diese Methode ist längst üblich, in der Medizin ein großer Vorteil, aber für Kontrolleure sehr leicht durchschaubar.
Genveränderungen beim Menschen in der Pränatalphase – an den Keimzellen – gehören ins Reich der Science-Fiction. Zumindest sind sich Fachleute darüber einig. Theoretisch ließen sich zwar einzelne Eigenschaften klonen, wie es bei Tier- und Pflanzenzüchtungen bereits geschieht, doch würden identische Individuen im Sport wohl kaum einen Vorteil bedeuten.
Die Manipulation an Organen oder Geweben beim erwachsenen (fertigen) Menschen ist schon wahrscheinlicher, allerdings immer noch Illusion: Die Komplexität der DNA als Trägerin der Erbinformation und der biochemischen Vorgänge ihrer Steuerung ist einfach zu groß, Eingriffe wären ebenso schwierig – fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Gen-Therapien als Muster für den Missbrauch
Für den Leistungszuwachs im Sport sind am ehesten Methoden zu missbrauchen, die für die Therapie von Krankheiten oder zur Kompensation ererbter Schäden entwickelt wurden. Für die Veränderung von Genen sind aber besondere Mechanismen – so genannte Vektoren – notwendig. Damit lässt sich DNA in die Zellen transportieren. Noch eher zu rechnen ist beim Gendoping mit der Zellentnahme, wie in Tierversuchen längst praktiziert. Die Veränderung durch genetisches Material erfolgt dabei im Labor. Immer wieder genannt werden von Forschern der Eingriff in die DNA-Kette oder die Injektion von mit Genen beladenen Viren in das betreffende Gewebe.
Nachweis für GW1516 – ein Quantensprung?
Im März 2009 veröffentlichte die Zeitschrift "Rapid Communications in Mass Spectrometry" die Meldung, dass der erste massenspektrometrische Nachweis von GW1516 gelungen sei! Was für Otto Normalverbraucher kaum auszusprechen ist, hatte für die Welt der Wissenschaft die Schlagkraft einer "Bild"-Headline. Bei GW1516 handelt es sich um einen "PPAR delta Agonisten", der zur Behandlung von Fettleibigkeit und metabolischem Syndrom verwendet werden soll. GW1516 führt aber auch zur vermehrten Bildung von "Typ I Muskelfasern" (Ausdauermuskulatur) sowie von Enzymen für die Energiegewinnung aus Fetten. Im Sport kann diese Substanz somit zur Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit missbraucht werden. Der Erfolg bekräftigt gleichzeitig auch den Anspruch des Zentrums für Präventive Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule Köln, nämlich schon vor Markteinführung doping-relevanter Substanzen Nachweisverfahren entwickeln zu können ...
Gendoping – eine Frage der Ethik
Dass die Experten der Doping-Analytik auf die neue Situation – Eingriffe auf Gene, die Schnelligkeit, Ausdauer oder Kraft verbessern – vorbereitet sind, zeigte sich Anfang Februar dieses Jahres beim Workshop "Genomics und Sport" der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, an dem Wissenschaftler aus ganz Europa teilnahmen. So stellten Forscher aus Großbritannien Befunde zur Genetik der Leistungsfähigkeit vor, wiesen aber auch deutlich auf mögliche Gefährdungen hin. Die sehr gründliche und kritische Stellungnahme der Englischen Gesellschaft für Sportmedizin in Zusammenarbeit mit Ethikern stellt einen lobenswerten Versuch dar, Richtlinien und Empfehlungen im Umgang mit genetischem Material im Sport zu liefern. Dass von deutschen Sportärzten erstmals auch Medizin-Ethiker in ein solches Gespräch einbezogen wurden, zeigt den Willen, die Forschungen zum Schutz der Sportler und der Ärzte von kritischen Analysen begleiten zu lassen.
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